In den späten 1990er-Jahren entstand mit dem Standard Widget Toolkit (SWT) ein weiterer Ansatz für Java-Oberflächen. IBM startete die Entwicklung 1998, als das Unternehmen eine neue IDE als Nachfolger von VisualAge for Java plante – aus diesem Projekt ging später die Eclipse-Plattform hervor.
Ursprung und Architektur
Für Eclipse benötigte IBM leistungsfähige GUI-Komponenten. Doch Ende der 1990er war Swing weder schnell noch speichereffizient oder stabil genug, und AWT galt bereits als veraltet. IBM entschied sich daher für ein eigenes Toolkit, das sich direkt auf die nativen GUI-Elemente des Betriebssystems stützt. SWT verzichtet vollständig auf AWT- oder Java-2D-Klassen – selbst elementare Zeichenoperationen erfolgen über das zugrunde liegende Betriebssystem.
Zu den unterstützten Funktionen gehören Standard-Widgets wie Buttons, Labels, Listen oder Tabellen, aber auch Drag & Drop, Zwischenablage, Druckunterstützung sowie (unter Windows) eine ActiveX-Integration. Da SWT eng mit dem nativen System verknüpft ist, müssen Anwendungen stets mit einer passenden nativen Bibliothek ausgeliefert werden (unter Windows etwa eine DLL). SWT ist kein Teil von Java SE, sondern wird als eigenständige Bibliothek über das Eclipse-Projekt bereitgestellt, siehe https://eclipse.dev/eclipse/swt/.
Einsatz und Erweiterungen
Obwohl SWT ursprünglich ausschließlich für die Eclipse-IDE gedacht war, wurde es bald von Eclipse entkoppelt und ist seither als allgemeines UI-Toolkit verfügbar. Besonders auf mobilen und eingebetteten Geräten der frühen 2000er-Jahre (z. B. PDAs mit Windows CE) erwies es sich als sehr performant, da es auf einem kleinen nativen Kern basiert und vergleichsweise leichtgewichtig ist.
Auf Basis von SWT entstand zudem die Eclipse Rich Client Platform (RCP) – ein Framework für modulare Desktop-Anwendungen. RCP stellt Funktionen wie Plug-in-System, Nutzerkonfiguration, Update- und Distributionsmechanismen bereit und wird in vielen Eclipse-basierten Tools eingesetzt.
Bewertung und heutige Relevanz
Ein klassisches Argument für SWT war, dass Oberflächen damit wie native Anwendungen wirken, da SWT echte System-Widgets nutzt. In der Praxis zeigte sich jedoch, dass SWT-Oberflächen an einigen Stellen vom Look & Feel der Plattform abweichen. Diese Abweichungen im Erscheinungsbild spielen heute jedoch kaum noch eine Rolle: Software-Oberflächen ändern ihr Design ohnehin regelmäßig – etwa durch den radikalen Wechsel von Microsoft Office 2003 zu Office 2007 mit dem Ribbon-Menü, den Übergang von Windows 10 zu Windows 11 mit neuer Symbolsprache und zentrierter Taskleiste oder den Wandel von macOS Aqua mit bunten Candy-Buttons hin zu den heutigen minimalistischen Designs. Ein plattformweit einheitliches Aussehen ist längst nicht mehr oberstes Ziel.
Heute wird SWT hauptsächlich in der Eclipse-Welt und in einigen spezialisierten Unternehmensanwendungen genutzt. In der breiteren Java-Community gilt JavaFX (OpenJFX) als aktueller Standard für Desktop-GUIs, die in Java programmiert sein sollen.